Fotografie im Zeitalter ihrer globalen Verfügbarkeit

Ein Gespräch mit der Fotokünstlerin Viktoria Binschtok über ihre neue Werkreihe „Cluster-Series“


Geboren ist Viktoria Binschtok 1972 in Moskau, aufgewachsen ist sie im westfälischen Minden, wo sie sich bereits früh dem Fotografieren zuwandte. Ab 1995 studierte sie Fotografie und Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und schloss 2005 als Meisterschülerin bei Timm Rautert ab. Heute lebt Viktoria Binschtok in Berlin.

Für ihre Diplomarbeit ersteigerte sie 2002 mehrere Globen im Internet, die sie unausgepackt zusammen mit den Bildern präsentierte, mit denen die Artikel online beworben worden waren. Die nicht sichtbaren Originale und deren fotografische Abbilder verwiesen auf das grundlegend komplexe Verhältnis zwischen fotografischer Repräsentation und Wirklichkeit.

Dieses für ihre serielle Arbeit typische selbstreflexive Vorgehen findet bei Viktoria Binschtok fortwährend mit Material aus digitalen und analogen Massenmedien statt.

Seit dem letzten Jahr verfolgt sie die Reihe „Cluster Series“, mit der sie unsere internetbasierte Betrachtungsweise von Fotografien widerspiegelt und auch die Zuordnung einer Autorschaft unterbindet, indem sie die im Netz aufgespürten Bilder refotografiert, um sie in den ihr dargebotenen formalen Zusammenhängen konzentriert in ihren Ausstellungen zu arrangieren.


Bei Deiner Serie „World of Details“ von 2011 haben Dich Google-Street-View-Aufnahmen von Personen in den Straßen New Yorks fasziniert. Du bist in diese Gegenden gereist, um dort Details der Umgebung zu fotografieren und sie den ausgedruckten Ansichten gegenüberzustellen.


Viktoria Binschtok: Mir sind bei meinen virtuellen Spaziergängen immer wieder Menschen aufgefallen, die offensichtlich das Street-View-Fahrzeug bemerkt haben müssen, da sie in die Kamera blicken. Sie schauten in die Linse eines Apparates, hinter dem kein Mensch stand, der ihn bediente, sondern eine auf dem Autodach installierte Maschine aufzeichnete, während sie an ihnen vorüberzog. Diese Entdeckung habe ich als beunruhigend empfunden. Ich begann, die Aufnahmen zu sammeln, ohne zu wissen, wie ich mit ihnen arbeiten würde. So fangen viele meiner Serien an: Mein Interesse wird geweckt, ich sammele und schaue, wohin es führt. Ich musste die Street-View-Bilder außerdem zunächst definieren, weil die 360-Grad-Aufzeichnung sie nicht begrenzt. Anschließend habe ich beschlossen, ihnen die Farbe zu entziehen, dadurch lassen sie sich zum Teil nur schwer zeitlich einordnen. Es gibt aber immer wieder Hinweise, wie Autos und Mode, die auf die Gegenwart hindeuten. Mit diesen Referenzbildern in der Tasche bin ich nach New York gereist und habe meine eigenen Fotos gemacht, die ich in unterschiedlichen Formaten präsentiere. Ich wollte kein Vergleichsspiel initiieren, deswegen wusste ich schnell, dass ich ins Detail gehen würde. Bei Street View kann man zwar in die Aufnahmen hineinzoomen, sie werden jedoch sehr bald sehr pixelig. Das wollte ich mit meinen Fotografien überwinden, um dem jeweiligen Ort noch näherzukommen und tiefer in die Oberfläche dieser Stadt einzutauchen.


Deine analogen Detailfotografien wirken sogar inszeniert.


Dabei hätte ich die Realität nicht besser erfinden können – es hat sich mir alles so präsentiert, ich habe nicht inszenatorisch eingegriffen. Dieser Eindruck hat sicherlich auch mit New York und seinen Kulissen zu tun. Da ich vor Ort analog fotografiert habe, konnte ich die Bilder natürlich nicht sofort, sondern erst im Labor sehen. Es war daher nicht nur das Detail, das ich durch die Überwindung einer räumlichen Distanz entdecken wollte – das fotografische Abbild davon ließ ebenso als Geheimnis auf sich warten.


Mit Deiner Arbeit „Venus' Belly“ von 2012 willst Du auch den Betrachter zu einem Bild führen, das Du ihm zunächst verstellst. Die Venus aus Botticellis Gemälde wird hier erst durch die Handykamera fürs Auge erkennbar.


Dass ein Medium, ein technisches Gerät, eine Rolle spielen kann, die Welt anders zu sehen, kann man durch die Venus-Arbeit erfahren. Ich gebe dem Betrachter nicht direkt die Anweisung, auf das Display der Handykamera zu schauen, welches das grobgerasterte Motiv für das menschliche Auge erkennbar macht. Da wir aber alle mehr oder weniger mit dieser Technik durchs Leben laufen, wird das Bild früher oder später zu sehen sein.


Bei Deiner aktuellen „Cluster-Series“ fällt als erstes die variierende Präsentation auf: Du zeigst Dip- und Triptychen, arrangierst die Fotografien installativ in Gruppen, es gibt sogar skulpturale Momente. Sind Dir Präsentation und Umgang mit dem Raum jetzt wichtiger?


Die Präsentation war immer ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Bei jeder Serie beschäftigt mich die Frage, wie ich die Bilder an die Wand oder in den Raum bringen, sie dem Betrachter zugänglich machen kann. Sie existieren ja nicht von vornherein physisch, sondern müssen diesen Weg erst über einen Träger finden. Als Autorin definiere ich die Fotografien nicht nur, sondern überführe sie in die materielle Welt. Bei „World of Details“ habe ich die ausgedruckten Street-View-Ansichten rundum auf MDF-Platten gekleistert, um ihnen eine Objekthaftigkeit zu verleihen und bereits mit meiner Globen-Arbeit bin ich installativ in den Raum gegangen. Mit den Clustern gehe ich nun einen Schritt weiter, setze mir bezüglich der Präsentation keine Limits.


Wie entsteht ein Cluster?


Ich wähle zunächst ein Foto aus, das irgendwann einmal aus einer bestimmten Motivation heraus entstanden ist, bisher aber keinen Eingang in meine künstlerische Arbeit gefunden hat. Dieses Foto bestimme ich zum Ausgangspunkt einer zukünftigen Bildfamilie, indem ich es in eine Bild-zu-Bild-Suchmaschine des Internets eingebe. Der Algorithmus filtert aus dem unüberschaubaren Bildkonvolut solche heraus, die meinem aufgrund der Verteilung von Form und Farbe am meisten entsprechen. Wir leben in einer hoch ästhetisierten Konsumgesellschaft, weshalb der Anteil von Werbe- und Produktfotos bei dieser Zirkulation relativ groß ist. Es können aber auch Dokumentarfotografien, Schnappschüsse und Selfies Eingang in meine Arbeit finden, eben alles, was diese Suche sichtbar macht. Schnell wusste ich aber, dass ich die vorgeschlagenen Fotos nicht einfach so meinem gegenüberstellen würde, nicht nur wegen ihrer geringeren Auflösung und des Copyrights, mir ist es wichtig, eine eigene Idee damit zu formulieren. Daher benutze ich die ausgewählten Bilder lediglich als Bauanleitungen, inszeniere und fotografiere sie neu. Dadurch lösche ich Hinweise auf die Herkunft eines Bildes aus. Die Cluster stellen jeweils exemplarisch das unfassbare Nebeneinander der uns umgebenden Bildwelten verdichtet dar.


Du schaffst Abbilder von Bildern ...


Genau, mein Ansatz erinnert mich an Platons Höhlengleichnis: Welches ist das Urbild, welches nur das Abbild eines anderen Bildes? Die Bilder, die ich refotografiere und in Ausstellungen zeige, werden über Dokumentationen auch wieder im Netz landen. Möglicherweise werden sie bei zukünftigen Suchergebnissen sogar neben den ideengebenden aufgeführt. Ich unterscheide bei dieser Reihe nicht mehr zwischen dem eigenen originären und dem fremden Bild. Mich interessiert eher, wie sie heutzutage betrachtet werden. Dies kann durchaus enttäuschend sein: Man sieht ein Foto, das einen interessiert und zu dem man hofft, eine Geschichte zu erfahren, um dann festzustellen, dass es nur das idealisierte Abbild eines anderen ist. Das singuläre Bild spielt bei dieser Arbeit keine Rolle mehr, erst die Bezüge, die ich bei dem jeweiligen Cluster zwischen den einzelnen Bildern herstelle, die ansonsten frei im Netz herumschwirren, erlauben einen Blick auf unsere heutige Bildkultur.


Wie bewertest Du denn diese Entwicklung hin zu einer digitalen Bilderflut, beschleunigt durch die sozialen Medien, die zwar jedem ermöglichen, sich mitzuteilen und sich am Wachsen dieser Online-Bildkonvolute zu beteiligen, die aber auch schwieriger denn je ein Urteil über den Wirklichkeitsgehalt eines Fotos zulassen?


Zuallererst finde ich es spannend, zu beobachten, wie beispielsweise private Bilder Eingang in soziale Plattformen finden und sich verbreiten. Es wird uns suggeriert, wir hätten die Wahl, wer unsere Bilder zu sehen bekommt. Vielleicht ist das in der ersten Instanz durch Reglements der Netzwerke möglich, im Großen und Ganzen hat man diese Wahl aber nicht. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn man sich daran beteiligt. Ich nehme bei meiner Bildersuche auch keine Rücksicht auf den Ursprung der Bilder, abstrahiere sie in gewisser Weise aber auch, indem ich sie mit Abweichungen reinszeniere. Und dass einem Foto erstmal getraut wird und es als ein Ausschnitt der Wirklichkeit wahrgenommen wird, ist ein Phänomen, denn Wege, es zu manipulieren gab es schon immer. Ich bewerte die inflationäre Entwicklung durch das Internet allerdings nicht als gut oder böse, ich nehme sie eher künstlerisch auf und reflektiere sie mit den Mitteln der Fotografie. Diese endlose Bildproduktion ist ein Zeitgeist, den ich visualisieren möchte.


Eines Deiner Cluster zeigt ein Foto von einem Soldaten im Schützengraben neben einem von der Suchmaschine als formal zugehörig ermittelten Bild mit vergleichsweise trivialem Motiv. Ist das keine Kritik an einer gefühlsarmen Betrachtungsweise von Fotos, wenn brisante und triviale heute nebeneinander erscheinen?


Dieses Foto mit dem Soldaten ist eines der wenigen, die ich nicht rekonstruiert habe, ich habe es vom Computerbildschirm abfotografiert. Bei näherer Betrachtung sieht man auch den Cursor im Schützengraben, wodurch ich wieder auf das Medium, auf die Oberfläche verweise, auf der das Bild gesehen wurde. Ich hole es sozusagen in unsere screenbasierte Zeit. Die Anordnung ist allerdings weniger Kritik an der heutigen Betrachtungsweise von Bildern, sondern ein Update zum Umgang mit der Fotografie heute, im Zeitalter ihrer globalen Verfügbarkeit. Die Bilder an sich sind doch unschuldig, es ist eher ihre inhaltliche Verknüpfung, die uns intellektuell herausfordern sollte, und nicht das richtige Schauen im falschen Kontext.


Im Gegensatz zu Deinen vorangegangenen Serien, die in sich abgeschlossen waren, scheinen die Cluster eine offene, langfristige zu sein.


Es ist jetzt ein anderes Vorgehen als mit den Serien zuvor, die von Anfang bis Ende klar definiert waren. Ich arbeite parallel an mehreren Clustern, täglich können neue hinzukommen und frühere überholen, weil sie mir wichtiger erscheinen. Meine Bildfindung wird nun zum einen durch die Maschine vorgegeben, findet im weiteren Schritt aber assoziativ und sehr viel freier als bisher statt. Dadurch eröffnet sich mir eine völlig neue Arbeitsweise. Ich muss beispielsweise Requisiten beschaffen, um die Fotos nachzustellen und mir Techniken der Studiofotografie aneignen. Auch innerhalb der Bildersuche gehe ich unterschiedlich vor. So suche ich nicht nur nach Verknüpfungen zum eigenen Foto, sondern setze die Suche von Verknüpfung zu Verknüpfung fort. Es entsteht eine Art visuelle stille Post. Längst ist noch nicht alles abgedeckt, was ich zeigen möchte, deshalb wird mich diese Arbeit noch eine Weile beschäftigen.


Siehst Du Dich mit diesem Vorgehen in einer Tradition? Gibt es wegweisende Fotografen?


Ich schätze natürlich Hans-Peter Feldmann sehr, als einen der Pioniere, der mit vorgefundenem Bildmaterial und Archiven gearbeitet hat, sowie Richard Prince – beides Künstler, die wegweisend waren für einen bestimmten Umgang mit der Fotografie und die nachfolgende Generationen beeinflusst haben. Sicherlich hat auch Timm Rauterts Bildanalytische Fotografie bei mir eine gewisse Sensibilität für das Nachdenken über das Medium entwickelt. Er hat mich viele Jahre als Lehrer begleitet und geprägt.


Bei „World of Details“ war Dir wichtig, die analoge Technik hervorzuheben. Du hast die Fotografien in den Objektrahmen sichtbar mit Klebestreifen befestigt, durch die man sogar Deine handschriftlichen Vermerke zur Belichtungszeit erkennt. Spielt bei den Clustern die Technik eine Rolle?


Ich habe mich bei „World of Details“ am Analogen abgearbeitet, jeder Schritt meiner Detailaufnahmen fand händisch statt, das war eine Art Entschleunigungsprozess, den ich für diese Serie gewählt habe. Ich setze Technik grundsätzlich immer nur nach Bedarf ein, ich habe keine bestimmten Vorlieben oder Abneigungen. In der aktuellen Reihe mische ich die Verfahren, weil es inhaltlich keine Rolle mehr spielt, ob die Aufnahmen digital oder analog entstanden sind. Ein Technik-Freak war ich ohnehin nie, ich habe immer wenig davon besessen und mir das Nötige ausgeliehen. So arbeite ich im Grunde jetzt noch. Das hat den Vorteil, flexibel und offen zu sein, wenn es darum geht, die Bilder in die Welt zu bringen, die sich mir auf dem Bildschirm präsentieren.




Erschienen in PHOTONEWS Hamburg, Ausgabe November 2014