Künstlerische Zugänge zu unsichtbaren Welten

Das Kolumba in Köln kombiniert Gebrauchsgegenstände mit religiöser und zeitgenössischer Kunst


Ein angerosteter und halb geöffneter Geldschrank steht im Foyer. Das Kunstmuseum des Erzbistums Köln arrangiert seine Bestände jährlich neu – diesmal zum Thema Schrein. Dieser schwere, scheinbar geplünderte Tresor, ein Werk von Felix Droese aus dem Jahr 1986, eignet sich gut als Auftakt, weil er mühelos Assoziationen zur gegenwärtigen Finanz- und Eurokrise aufkommen lässt. Dann, im ersten Stock des Hauses, offenbart sich uns die konzeptionelle Grundannahme der Schau. Tagtäglich sind wir von Schreinen umgeben, von diesen besonders schön gestalteten Kisten und Kästchen zum Aufbewahren von Heiligtümern. Präsentiert werden hier nämlich neben mittelalterlichen Minnekästchen, neueren Geduldsflaschen, aus Elfenbein gefertigten oder vergoldeten Reliquienschreinen – einem Passionsgebetbuch im Kalbsledereinband – auch alte Fernseher, Kofferradios und Kofferplattenspieler, mechanische Schreibmaschinen und originalverpackte analoge Fotoapparate. Sogar ein Ladyshaver im hübsch designten Kunststoffbehälter ist in einer Vitrine zu sehen. Und auch der legendäre Apple-Computer mit dem transparenten Gehäuse fehlt nicht. Die Gegenüberstellung von sakraler und weltlicher Kunst ist für das Kolumba Museum programmatisch. Die Präsentation von Gebrauchsgegenständen im Retrolook zwischen religiöser und zeitgenössischer Kunst verlangt dem Besucher in besonderer Weise eine Deutung ab. Die Ausstellungsmacher haben mit den formalen Kennzeichen und Funktionen eines Schreins frei hantiert.

Ebenfalls ausgestellt ist ein Flügelaltarschrein mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige vom Ende des 15. Jahrhunderts. Und auch Thomas Rentmeisters Stahlblechcontainer von 1988, der keinen Zugang hat, aber mit einer Lüftung versehen suggeriert, im Innern würde etwas Wertvolles gelagert. Zeitgenössische abstrakte Malerei bildet einen weiteren Schwerpunkt. In einem kleinen Nebenraum im ersten Stock hängt eine Serie von Papierarbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Max Cole – der zentralen bildenden Künstlerin der Schau. Cole (*1937) entwickelt anhand von präzise verdichteten und ausbalancierten horizontalen und vertikalen Linien und Strichen rhythmisch strukturierte Flächen, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Rationalität und Spiritualität befinden. Ihren Werken gegenüber hängt die Ikone „Muttergottes im Erker“ aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Zweifelsohne, Gegenüberstellungen dieser Art fordern das Abstraktionsvermögen des Betrachters.

Bei der gesamten Präsentation wurde zugunsten eines ungestörten Raumkonzeptes auf Wand- und Vitrinenbeschriftungen verzichtet. Erläuterungen zu den Exponaten finden sich im Ausstellungsheft gelesen.

Im dunkel inszenierten Armarium befindet sich als Leihgabe der Pfarrgemeinde der Kirchenschatz von St. Kolumba. Architekt Peter Zumthor hat die Überreste der Kapelle in den Museumsneubau integriert. Unter anderem sind ein vergoldetes Vortragekreuz aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und eine mit Edelsteinen und Perlen besetzte große Monstranz zu sehen. Ergänzt werden sie durch den Bischofsstab des 1183 heiliggesprochenen Kölner Erzbischofs Anno (1056–1075), eine Leihgabe der Gemeinde St. Servatius in Siegburg. Außerdem wird hier Paul Theks „Shrine“ (Schrein) von 1969 gezeigt: Ein Glaskasten mit privaten Dokumenten und einem Abguss seines Fußes – charakteristisch für Theks multimediales religiöses Werk. Im zweiten Stock konzentriert sich die Schau zunächst auf Malerei des 20. Jahrhunderts – Alexej von Jawlenskys „Große Meditation“ und Arbeiten mit meditativer und mythischer Anmutung von Raimund Girke und Christa Näher. Den Höhepunkt bildet schließlich der Schrein des Bischofs Anno. Mit seiner typischen Hausform und sehr edlen Gestaltung gilt er aufgrund seiner Bezüge zur Antike als ein Vorläufer des Dreikönigs-Schreins im Kölner Dom. Umgeben wird er von drei weiteren mittelalterlichen Heiligenschreinen. Ebenfalls alles Leihgaben der Siegburger St. Servatius-Gemeinde. In Tischvitrinen sind die den Schreinen entnommenen Seidengewebe zu sehen. Kostbar verziert mit Adlern und Elefanten verhüllten die Tücher bis ins 14. Jahrhundert hinein die Reliquien der Heiligen.

Auch mit den übrigen Exponaten des zweiten Stocks werden die zugrundeliegenden Motive der Schau verfolgt: das Meditative und Unsichtbare. Nach wie vor in einem abstrakten Zusammenhang. So befindet sich etwa Frederic Thurszs Hommage an Mark Rothko in einem Raum mit einem flandrischen Christusbild von Edessa. Oder ein Heilig-Geist-Retabel hängt gegenüber drei Ölbildern von Rudolf de Crignis, die er in verschiedenen Blautönen monochrom gestaltet hat.

Mit Bruno Jakob und Achim Lengerer wird das Kolumba im kommenden Jahr die Ausstellung um zwei weitere Gegenwartskünstler erweitern. Bestimmt werden sie neue Impulse zur Immaterialität geben.


Erschienen in Zeitkunst 12/2013