Knapp, knapp, abgeknabbert

Nolte/Decars „Der Volkshai“ in der Werkstatt


Waren bei Jakob Noltes und Michel Decars satirischem „Helmut Kohl läuft durch Bonn“, ebenfalls in der Werkstatt uraufgeführt, die Theaterverweise klug eingearbeitet, verharrt ihr Motiv-Mix aus Ibsens Revolte-Klassiker „Ein Volksfeind“ und Steven Spielbergs Schocker „Der weiße Hai“ im sketchartigen Humor inklusive schnell verpuffender Wortspielereien.


Das Autorenduo entwickelte das Stück „Der Volkshai“ gemeinsam mit Matthias Rippert vom Max-Reinhardt-Seminar für dessen Diplominszenierung. Rippert versucht mit Camp und Märchen-Anleihen den Haialarm („Ein, ein, Heidewitzka!“) in eine schrillbunte Klamotte zu verwandeln. Unpräzis getaktet, geraten seine Schauspieler allerdings in zähen Slapstick vor der Strandimbiss-Kulisse mit gekachelten Duschen, was oft die Spannung entweichen lässt.

Rimini, 1990. In Italien steigt die Fußballweltmeisterschaft, im Kino verhökert sich Julia Roberts mit frechem Grinsen an Richard Gere. Bademeisterin Giulia hingegen ist sich sicher, am Strand von Rimini einen Hai entdeckt zu haben. Ein Junge wurde bereits getötet („knapp, knapp, abgeknabbert“). Der Bürgermeister aber fürchtet den Touristenschwund und behauptet, eine Schiffsschraube sei für das Unglück verantwortlich gewesen.

Sören Wunderlichs Bürgermeister Umberto sticht mit seinem korrupten Habitus schnell hervor. Er versucht, halb überheblich, halb desperat, im seidenen Morgenmantel und mit Halstattoo, den Reporter Cesare (Hajo Tuschy) von einer Enthüllungsgeschichte abzubringen. Er kutschiert ihn im Scooter-Wagen herum, um ihn zu überreden, den Strand von Rimini lieber als Delfin-Paradies zu verkaufen. Als er ihm dann noch seinen halben Golfplatz vermacht, knickt der möchtegern-investigative Cesare ein. Giulia aber lässt sich von den profitgeilen Opportunisten nicht bestechen. Schließlich gibt es weitere Hai-Opfer, die von Umberto und Cesare heimlich in Särgen abtransportiert werden.

Anne Kulbatzki als resolute Bademeisterin Giulia schöpft das aus, was möglich ist bei diesem Text-Konglomerat aus pubertärem Assoziationslärm („Und jetzt sag mal: Fenchel, Fenchel, Fenchel!“) und Hollywood-Hommage. Selbst die banalsten Einfälle handhabt sie angenehm distanziert. Als „Volksfeindin“ im Ibsenschen Sinn wäre sie fraglos eine gute Wahl. Einmal debattiert Kulbatzki im „Pretty Woman“-Dress mit Robert Höller, ihrem „einfühlsamen Boy“ Dino in Meeresgott-Gewand (Kostüme: Selina Traun), aus feministischem Blickwinkel über den Film. Dann steigern sich beide zwischen Küchenherd und Auto in einen fulminanten Geschlechterstreit mit blitzartigem Rollentausch und absurden Fehlleistungen hinein. Hier blitzt auch Nolte/Decars Genie wieder auf. Am besten sind sie, wenn sie Verwirrung stiften, die Sprachkategorien zu sprengen droht. Davon bieten sie der Regie aber nicht mehr an.

Die Stücke des in den späten achtziger Jahren geborenen Duos entwerfen keinen melancholischen Antihelden, der sich introspektiv abarbeitet; sie setzen sich aus Pop- und Theater-Motiven zugunsten eines Personen-Geflechts zusammen, bei dem es nicht um das Gesagte an sich geht, sondern um ein Abfeuern von Reaktion und Gegenreaktion. Offenbar inspiriert durch das sich gegenseitige Aufschaukeln beim Kommentieren in den sozialen Netzwerken. Als Generation Internet beherrschen Nolte/Decar diesen flachen Ironie-Wettbewerb mühelos.


Schnüss Bonn 04/2015








Im Hinterstübchen des Bindungsflüchtlings

Arthur Schnitzlers „Anatol“ in der Werkstatt


Sie hängen schon auf der Bühne rum, während sich die Zuschauerreihen noch füllen. Rauchend und sinnierend: Anatol und sein weiser Schatten Max, der sich in den nächsten eineinhalb Stunden fürsorglich um dessen ausgebreitetes Liebesleid kümmern wird. Allerdings nicht ohne gelengentliche bissige, herausfordernde Dialektik. Als Intro singt er aber erstmal eine Popballade von Britney Spears. Und zwar „Everytime“. In dem dazugehörigen Video bringt sich die Sängerin aus Trennungsschmerz um. Zuzutrauen wäre das auch Anatol, Arthur Schnitzlers „Hypochonder der Liebe“. Völlig besessen ist er von der Frage, ob ihn seine zahlreichen Verflossenen überhaupt wirklich geliebt haben, seine Jetzigen ihm treu sind. Und er hat genügend Zeit, das durchzuexerzieren.

Benjamin Berger, dem die Rolle der männlichen Drama-Queen sowieso gut liegt, zeigt ihn schön aufbrausend, größenwahnsinnig, pathetisch. Mit einigen wenigen stillen Momenten. In einen Rockstar-Backstage-Bereich hat ihn Regisseur Sebastian Schug mit Max zum Verhandeln verfrachtet. Die Werkstatt-Bühne ist mit Stoffen verschmälert – Gitarre und Bass griffbereit – an jeder Seite hängt ein Garderobenspiegel, in dem sich Bindungsfurcht und Selbstmitleid vergewissern lassen.

Trotz Abratens von Max hypnotisiert Anatol seine Geliebte Cora (amüsant überdreht: Johanna Falckner), um sicher zu gehen, dass sie ihn liebt. Doch auch nach Coras Bejahen kommt er nicht zur Ruhe, hat sich sein Unbehagen nicht gemildert. Ein eingebildeter Liebeskranker eben.

Als analysierender Sidekick agiert Samuel Braun reduziert, zynisch („Moment, ich kann nicht ohne einen Aphorismus gehen“), mit bisexuellem Begehren. Dass aus Schnitzlers Bianca der Zirkusartist Bianco wurde, den Max Anatol ausspannt, ist die markanteste Idee Schugs. Berger selbst spielt ihn mit einem rasch ungeschnallten Schnurrbart, und verwirklicht anscheinend so Anatols verdrängtes Alter Ego.

Verdrängung, Hypnose, Analyse. Arthur Schnitzlers Einakter-Zyklus von 1893 ist zweifellos von der Seelenkunde in Wien am Ende des vorletzten Jahrtausends beeinflusst.

Das wäre eine gute Marschrichtung für die gesamte Inszenierung gewesen: Das Stück psychologisch zu dekonstruieren. Die Analysecouch steht sogar auf Christian Kiehls Bühne. Auf ihr krümmt sich Anatol fiebrig, während Max am Kopfende geistreich schlussfolgert. Doch Schug hält sich wieder an seine verknappte Vorlage. Vor allem das anachronistische Frauenbild wird dadurch kommentarlos reproduziert. Anatol landet nämlich nur bei Frauen aus der Vorstadt. Dem kann Gabriele aus der „großen Stadt“ gar nichts abgewinnen, sie spottet über seine „süßen Mädels“. Johanna Falckner gibt sie überheblich, gepaart mit einer erregten Neugierde auf die ihr fremde Welt. Das Doppelmoralische hätte Schug hier aber besser weiter aufgeschlüsselt.

Trotzdem, ein charmantes Kammerspiel. Mit vier jungen Schauspielern aus dem Ensemble. Julia Keiling als betrügende, zweifelnde Ehefrau Else wirft dem überbordenden Berger sogar einmal eine ganz naturalistische Performance hin und beweist, dass sie eine gute Sängerin ist. Wenn sie am Ende aber alle zusammen „Listen to your heart“ von Roxette singen, kann das (hoffentlich) nicht als Anleitung für einen Liebeskranken gedacht sein.


Schnüss Bonn 11/2014



Ein Stück Filmgeschichte

„Welt am Draht“ nach Rainer Werner Fassbinder in der Halle Beuel


Das Risiko missglückter Jetztzeit-Bezüge besteht bei der Inszenierung von „Welt am Draht“ in der Halle Beuel nicht. Das Regie-Duo Biel/Zboralski hat nämlich auf jeglichen hochaktuellen Blickwinkel verzichtet. Und das bei einer Geschichte über simulierte Wirklichkeiten und Überwachung. Gewagt.


Bereits der Auftakt des Stücks lässt erahnen, dass sowohl auf visueller als auch auf Handlungsebene nahezu eine Eins-zu-eins-Umsetzung von Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Klassiker angestrebt wurde: ein perfekter Siebziger-Jahre-Look mit Schlaghosen, Koteletten und Kettenrauchen. Sogar ein Swimming-Pool wurde gebaut.

Die erste Szene, in der Direktor Vollmer einem seiner Mitarbeiter seine Wahnsinn stiftende Entdeckung über die Experimente mit computergenerierten Menschen im Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung zusteckt, um kurz darauf unter mysteriösen Umständen umzukommen, wird in Beuel per Video abgehandelt. In nahezu originalgetreuen Dialogen.

Exzellent souverän und feingliedriger als der junge Klaus Löwitsch windet sich Daniel Breitfelder als Fred Stiller auf seiner Suche nach der Wahrheit über die eigene Existenz, die ihm, anders als gedacht, zunehmend als virtuell denn als real erscheint. Dabei stets im Clinch mit seinem profitorientierten Vorgesetzten Siskins, den Andrej Kaminsky als überdrehten, kaugummikauenden Motivator zeigt.

Das Starke an Biels/Zboralskis Einsatz von Video sind nicht unbedingt die Live-Kameras, die die unterschiedlichen Perspektiven der Agierenden darstellen, sondern die Videoprojektionen, die etwas anderes zeigen als das Geschehen auf der Bühne. Etwa, wenn Stiller und Vollmers Tochter Eva (Laura Sundermann) im Auto Pläne schmieden und Liebesgeflüster austauschen, auf den Leinwänden aber jeweils ihre schweigenden, sehnsuchtsvollen Gesichter zu sehen sind.

Unsympathisch ist der Verzicht auf Internet und NSA-Bezug durch Biel/Zboralski zugunsten einer Huldigung des wegweisenden Thrillers von 1973 ja nicht. Bot außerdem bereits die Romanvorlage von Daniel F. Galouye genügend zeitlose philosophische Fragen über Schein und Sein.

Dennoch entstehen einige Momente, die nicht eindringlicher veranschaulichen könnten, wie sehr dann doch eine aktuelle Bearbeitung des Fassbinder-Films gut getan hätte. Und zwar dann, wenn sich das Publikum im Bühnenbild spiegelt. Dann wird es nämlich nicht nur kurz in das Treiben um Wirklichkeit und Illusion, Beobachter und Beobachtetem miteinbezogen, es wird auch daran erinnert, dass es den ganzen Abend lang eben nur Betrachter einer längst vergangenen filmischen Welt ist, die sich vehement dagegen wehrt, auch nur einige wenige, aber naheliegende Gegenwarts-Impulse zu geben.

Über eine unterhaltsame Hommage an den großen Fassbinder mit schicker Ästhetik und ambitionierten Schauspielern schafft es die Inszenierung so nicht hinaus.


Schnüss Bonn 04/2014