Am Ende der Nacht


Einen Abgesang auf das Theater hat Regisseur Guido Rademachers mit den Schauspielern des Rose-Theegarten-Ensembles inszeniert. Als Inspiration diente der Roman „Reise ans Ende der Nacht“ aus dem Jahr 1932 von Louis-Ferdinand Céline. Darin schlägt sich ein Armenarzt durch die Zeit nach 1914.

Den Ersten Weltkrieg und den wütenden Stil Célines nutzt Rademachers, um seinen Verdruss über ein illusionistisches Als-ob-Theater auszudrücken. Thomas Wenzel gibt einen überzeugenden Conférencier. Als allgegenwärtigen Mephisto verkörpert Adrian Ils den Tod. Der Weltkrieg tönt mit martialischem Sound aus dem Off. Es gibt bei Ibsen geliehene Eheszenen und Othello-Slapstick. Die Bilder werden mit Applaus oder Lachen vom Band montiert, um jedes aufkommende Gefühl von Wahrhaftigkeit zu relativieren.

Uninteressant ist der Ansatz nicht, durch die Kriegsanalogie theaterreflexiv den Zerfall eines Systems zu zeigen. Die formelhaften und fragmentarischen Endzeit-Behauptungen der Inszenierung können allerdings kaum eine existenzielle Not etablieren.


Freies Werkstatt Theater, StadtRevue 05/2014

»Wo ist der Sinn hin?«

Die Acting Accomplices zeigen sich in »Der Freund krank« doppelbödig


In farbigen, schimmernden Anzügen fegen Jean Paul Baeck, Jonas Baeck und Marius Bechen über die Bühne. Sie fallen sich ins Wort, laufen und springen in Sketch-Manier herum. Regisseur Thomas Ulrich hat die Idee der Frankfurter Uraufführung aufgegriffen. Er lässt Nis-Momme Stockmanns zerrissenen Ich-Erzähler von drei Schauspielern verkörpern. Eine kluge Lösung, um die ambivalente Innenansicht des Heimkehrers umzusetzen.

Weit weg in der Metropole hat er es zu etwas gebracht, jetzt muss er sich den Zurückgebliebenen stellen. Die hassen ihn wie die Pest. Nicht grundlos. Er ist am Ausverkauf ihres kleines Städtchens an der B 1 beteiligt. Der lokale Arbeitgeber, die Aromafabrik, deren verschiedene Düfte den Ort umhüllen, schließt. Er profitiert davon. Gekommen ist der namenlose Mann aber nur, weil sein Jugendfreund Mirko apathisch vor sich hinvegetiert. Als gebastelte Menschenpuppe liegt der Freund schwer atmend auf der Bühne. Nora wickelt den Kranken. »Wo ist denn der ganze Sinn hin?«, fragt sie. Sie erwartet ein Kind von ihm. Sie ist es auch, die den Protagonisten bleiben lässt — eine Jugendliebe.

Schauspielerin Lisa Bihl als Nora bildet den Kontrast zum Triple-Ich in Standup-Manier. Als überforderte Schwangere liefert sie eine erstaunlich bewegende Performance.

Die Regie sprüht vor Ideen. Mit einfachsten Mitteln wird jede Szene satt komponiert. Sounddesigner Julius Richter untermalt das Treiben. Jedoch wäre hier und da weniger mehr gewesen. Die aufwendigen Animationen, die den Ich-Erzähler albtraumhaft in seine Vergangenheit schleudern, wirken überfrachtet. Immer wieder gibt es aber ausgeklügelte Bilder, die filmische Imaginationsräume entstehen lassen. Etwa die Beerdigung von Noras Bekannten nach deren Selbstmord, bei der die Bewohner dem »Ich«-Protagonisten eisig gegenübertreten.

Die Dinge im Außen deutet der Text dabei nur in Versatzstücken an: die Arbeitslosen, den wortkargen Trinker Trullmann, die rechtsradikale Moped-Gang, die Nora auflauert. Vielmehr ist Stockmanns »Ich«-Monolog eine riesige Rechtfertigungs- und Bewältigungsfantasie, die Köln einen vielschichtigen und intensiven Abend beschert.


Theater Orangerie, StadtRevue 11/2014

Brain and Beauty


Von verzerrter Körperwahrnehmung und den Verlockungen durch Schönheits-OPs handelt Angela Richters neue Recherchestück. Es speist sich aus Interviews mit Promi-Chirurgen in L.A., angereichert mit kuriosen Patientengeschichten.

Süffisant tragen Yuri Englert und Malte Sundermann die O-Töne vor, denen das eitle Heilsbringerbewusstsein der Schönheitsoperateure anhaftet. Sie erzählen von bizarren Wünschen und Star-Patient Michael Jackson. Diese minutiös ausgebreiteten Insiderstorys sind zugleich die Highlights des Abends. Hier tut nichts weh. Lediglich Melanie Kretschmann gelingt es mit ihrem überzeichneten Spiel, den Leidensdruck einer von männlicher Fremdwahrnehmung abhängigen Frau anzureißen. Richter führt kurzweilig, mit poppigen Untermalungen und ohne wertenden Subtext – leider ohne Diskurs.


Schauspiel Köln, StadtRevue 06/2014

Einer und Eine


Vor dem zugigen Kühlregal im Supermarkt treffen Grete und Jakob aufeinander. Was für ein Sinnbild für die zwei endlos theoretisierenden Geisteswissenschaftler. Die Liebe trifft sie wie ein Blitz, doch jetzt fehlen ihnen die Worte für das, was sie im Innersten bewegt. Dass man Theorie als Schutzschild nutzen und Intellekt durchaus hemmen kann, sind die Motive der klugen Komödie von Dramatiker Martin Heckmanns.

Regisseur Martin Schulze zeigt ein reizend verkrampftes Akademiker-Pärchen, das sich bei jedem seiner Treffen den sabotierenden inneren Stimmen stellen muss. Bindungsangst und Selbstzweifel lassen sich eben nicht einfach abstrahieren. Frech verkörpern zwei Schauspieler diese inneren Dämonen, die gleichzeitig den Zuschauer in abenteuerliche Bonnie-und-Clyde-Fantasien über die Schwärmenden verstricken, um sie anschließend schadenfroh in ihre unbeholfene Realität zurückzubefördern. Auf fast leerer Bühne, entlang an fachfernen Geldjobs und zögerlichen Liebesspielen, wagen es Grete und Jakob dennoch, sie zum Verstummen zu bringen. Sympathisch.


Theater der Keller, StadtRevue 04/2014